Blätter von dem grossen Baum

Foto Brigitte Fuchs: Magnolienbaum

 

 

Plötzlich hallt mein Schritt nicht mehr,
sondern rauschet leise, leise,
wie die tränenvolle Weise,
die ich sing‘, von Sehnsucht schwer.
Unter meinen müden Beinen,
die ich hebe wie im Traum,
liegen tot und voll von Weinen
Blätter von dem grossen Baum.

 

 

Selma Meerbaum-Eisinger (1924-1942) rumänische, deutschsprachige Dichterin, die als verfolgte Jüdin achtzehnjährig entkräftet am Fleckfieber verstarb.
Gedicht aus dem Jahre 1939 mit dem Titel „Welke Blätter“

 

Fotos Brigitte Fuchs

 

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12 Antworten auf Blätter von dem grossen Baum

  1. andrea sagt:

    soviel melancholie am frühen sonntagmorgen! ich mag das ja … immerhin liegt in der melancholie die schönheit des vergangenen ja noch (wie) geborgen. blühende magnolinebäume waren die lieblingsbäume meiner kindheit. – dieser hier ist aber ein ganz spezieller, seine blütenblätter sind anders geformt als die, die ich kenne, aber der schwung, der bogen, mit dem sie aus der ehemaligen knospe kommen, ist mit vertraut.

    liebe grüße, andrea

  2. quersatzein sagt:

    Die junge Dichterin hatte aufgrund ihrer tragischen Biografie in der Tat jeden Grund, melancholisch und traurig zu sein. Dass sie in ihrer Situation so herrliche Gedichte schrieb, ist erstaunlich.
    Der Magnolienbaum hier ist meines Wissens eine Sternmagnolie, die sich von den anderen Sorten etwas unterscheidet. (Wir trafen sie neben einer Kirche und dem angrenzenden Friedhof an.)
    Einen lieben Sonntagsgruss zu dir.

  3. Edith Hornauer sagt:

    „Du, weißt du, wie ein Rabe schreit..“ – diesen Gedichtband habe ich von ihr. Ich mag jüdische Gedichte sehr, drücken sie doch echten Schmerz oft aus.
    Deine Fotos sind zauberhaft, weiß wie eine Braut stehen die Bäume im Frühling.
    Liebe Brigitte, dir einen guten Sonntag
    mit herzlichen Grüßen von mir.

  4. quersatzein sagt:

    Mein Lyrikband von ihr heisst: „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“.
    Jedes Mal bin ich tief berührt und voller Bewunderung für ihre Gedichte, wenn ich in der Sammlung blättere und bei diesem oder jenem Poem innehalte.
    Wie traurig, dass dieses grosse, knospende Talent nie zur vollen Blüte gelangen durfte.
    Dir auch einen guten Tag, Edith, und lieben Sonntagsgruss.

  5. merlin sagt:

    wunderbare frühblüher die magnolien.
    das gedicht in zusammenhang mit der biografie der autorin ist erschütternd.
    die geschichte können wir leider nicht ungeschehen machen. so ist es sehr bedenklich, dass antisemitische vorfälle zunehmen. da gilt es klar dagegen zu halten.
    herzliche morgengrüsse zu dir / euch.

  6. quersatzein sagt:

    Genau, Merlin, diese Aufgabe und Verantwortung müssen wir mit aller Kraft wahrnehmen. Die Tendenzen in diese und ähnliche menschenverachtende Richtungen sind unerträglich.
    Trost sind uns, wie schon früher, z.B. bei Günter Eich oder Hilde Domin, die Bäume. Und die Magnolienbäume gehören ganz entschieden dazu.
    Einen herzlichen Sonntagsgruss zu dir.

  7. Gerhard sagt:

    Ja, die Blätter dienen nur dem Zweck, schnell Energie zu produzieren, dann können sie schon weg. Für die Art ist das ok, für uns riecht das sehr nach Verschwendung.

    Liebe Grüsse
    Gerhard

  8. quersatzein sagt:

    So ist es, Gerhard. Wir sind immer ein wenig betrübt, wie kurz das Blütenwunder ist.

    Herzlichen Gruss in diesen wiederum verschwenderischen Frühlingssonntag.

  9. Sonja sagt:

    Edith und du, Ihr habt Gedichtbändchen von der jungen Autorin, die wunderschöne Titel haben, ich werde nun nach solchen schauen!
    Die Blüten sind sehr fein.
    Grüße von Sonja

  10. quersatzein sagt:

    Ja, mach das, Sonja! Du wirst nicht enttäuscht sein!
    Einen frohen Sonntagabendgruss zu dir.

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